Benjamin Britten - A Hymn to the Virgin

Von Benjamin Britten sagen nicht wenige Musikwissenschaftler, dass er seit Henry Purcell der erste wirklich große Komponist Englands sei. Wahr daran ist, dass er der Musik der britischen Insel wieder die lange Zeit vermisste internationale Bedeutung verschaffte, etwa mit seinen weltweit aufgeführten Opern, mit Orchesterwerken von vitaler Einprägsamkeit und dem aufrüttelnden "War Requiem".

Britten, an der rauen Nordseeküste der Grafschaft Suffolk geboren, genoss das Glück eines musikbegeisterten Elternhauses. Früh erhielt er Klavierunterricht, als Achtjähriger komponierte er bereits. Das a-cappella-Stück "A Hymn to the Virgin" schrieb Britten im Alter von 17 Jahren im Internat, während er krank im Bett lag. Der bekannte englische Komponist Frank Bridge war zu dieser Zeit Brittens Kompositionslehrer. Um Brittens Genesung nicht zu gefährden, hatte man ihm das Notenpapier weggenommen; daraufhin zog er die Notenlinien notdürftig von Hand. Den Text der Hymne, eine mittelalterliche Lobpreisung Mariens, fand er in dem Gedichtband "The Oxford Book of English Verse", den er für gute Schulnoten erhalten hatte. Britten vertonte sie im Stile einer Antiphon für zwei Chöre im Wechselgesang. Beide Chöre singen - zunächst abwechselnd - das Lob der Gottesmutter: Chor 1 in englischer, Chor 2 in lateinischer Sprache. In einem kurzen, bewegten Mittelteil vereint Britten die getrennten Klangkörper zu achtstimmiger Fülle. Zartes Pianissimo beschließt das kostbare kleine Stück. Schon in diesem Jugendwerk verbindet er bruchlos Kompositionstechniken längst vergangener Jahrhunderte mit modernen Mitteln seiner Zeit und schafft die dichte Atmosphäre einer fernen Vergangenheit voll geheimnisvoll-verlockender Frömmigkeit. Die Hymne wurde eines seiner beliebtesten Werke überhaupt.

"A Hymn to the Virgin" wurde uraufgeführt im Rahmen eines Konzertes der Lowestoft Musical Society in St. John's Church am 5. Januar 1931. Britten überarbeitete dieses Werk noch einmal drei Jahre später, 1935 wurde es schließlich veröffentlicht. Bis zu seinem Tod schätzte Britten dieses Chorstück. Während seines ganzen Lebens beklagte er den Verlust der Unschuld und sehnte sich nach einer Rückkehr zu seiner Kindheit. "A Hymn to the Virgin" war eines von nur zwei Stücken, das in seinem Trauergottesdienst am 7. Dezember 1976 aufgeführt wurde.