Franz Schubert - Mirjams Siegesgesang

In Schuberts Chorwerk zeigt sich eine große Bandbreite von Kompositionstechniken und die thematische wie auch musikalische Annäherung und Anlehnung an verschiedene Epochen, vor allem an das Barock. Dies erscheint nur auf den ersten Blick verwunderlich: Man lebte im Wien zu Schuberts Zeit in der Hochburg der Restauration unter Metternich, in einer Welt der Zensur, der Unsicherheit persönlicher Freiheit, der Spitzel und der Unfreiheit politischer und philosophischer Gedanken. Die Ära Franz Joseph II., die erst dreißig Jahre zurücklag, wurde bereits als "gute alte Zeit" empfunden, und man wendete sich noch weiter zurück, als Wien im Barock nach dem Sieg über die Türken wirtschaftlich und kulturell eine Art goldenes Zeitalter erlebte.

Die Kantate "Mirjams Siegesgesang", zu der Franz Grillparzer den Text lieferte, ist ein Bericht über den Auszug Israels aus Ägypten. Das Volk Israel war trockenen Fußes durch das Schilfmeer gelangt, während das von Jahwe zur Verfolgung gebrachte Heer der Ägypter ertrank. Beim Anblick der ertrunkenen Ägypter frohlockte Mose und stimmte mit dem von ihm geführten Volk seinen Lobgesang an. Auch Mirjam stimmte einen Reigen an:

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen.
Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.
(2. Mose 15, 20 ff.)

Schuberts Kantate erinnert vor allem im ersten Teil stark an die Oratorien Händels und nimmt auch durch die obligatorische Schlussfuge eine sehr barocke Form an. Die Kantate wurde im letzten Lebensjahr Schuberts geschrieben, eine Orchestrierung war vorgesehen, konnte aber erst später durch Franz Lachner realisiert werden.

Rührt die Zimbel, schlagt die Saiten,
Lass den Hall es tragen weit;
Groß der Herr zu allen Zeiten,
Heute groß vor aller Zeit.

Aus Ägypten vor dem Volke,
Wie der Hirt den Stab zur Hut,
Zogst du her, dein Stab die Wolke
Und dein Arm des Feuers Glut.
Zieh, ein Hirt vor deinem Volke,
Stark dein Arm, dein Auge Glut.
Und das Meer hört deine Stimme,
Tut sich auf dem Zug, wird Land;
Scheu des Meeres Ungetüme,
Schaun durch die kristallne Wand,
Und das Meer hört deine Stimme,
Tut sich auf dem Zug, wird Land.
Wir vertrauten deiner Stimme,
Traten froh das neue Land.

Doch der Horizont erdunkelt,
Ross und Reiter löst sich los,
Hörner lärmen, Eisen funkelt,
Es ist Pharao und sein Tross.

Herr, von der Gefahr umdunkelt,
Hilflos wir, dort Mann und Ross
Und die Feinde, mordentglommen,
Drängen nach den sichern Pfad;
Jetzt und jetzt - da horch'! welch Säuseln,
Wehen, Murmeln, Dröhnen! Horch, Sturm.

's ist der Herr in seinem Grimme,
Einstürzt rings der Wasser-Turm.
Mann und Pferd,
Ross und Reiter
Eingewickelt, umsponnen
Im Netze der Gefahr,
Zerbrochen die Speichen ihrer Wagen;
Tot der Lenker, tot das Gespann.

Tauchst du auf, Pharao?
Hinab, hinunter,
Hinunter in den Abgrund,
Schwarz wie deine Brust.
Und das Meer hat nun vollzogen,
Lautlos rollen seine Wogen,
Nimmer gibt es, was es barg,
Eine Wüste, Grab zugleich und Sarg.
Schrecklich hat der Herr vollzogen,
Lautlos ziehn des Meeres Wogen;
Wer errät noch, was es barg?
Frevlergrab zugleich und Sarg.

Drum mit Zimbel und mit Saiten
Lasst den Hall es tragen weit,
Groß der Herr zu allen Zeiten,
Heute groß vor aller Zeit.