Léon Boëllmann - Suite gothique op. 25

Zeitraum: 
10. Oktober 2010 to 10. Oktober 2099

Léon Boëllmann zeigte bereits im Kindesalter eine außergewöhnliche musikalische Begabung und wurde 1871 im Alter von 9 Jahren an der Ecole Niedermeyer in Paris aufgenommen. Seine Lehrer dort waren unter anderem Eugène Gigout und Gustave Lefèvre. Er erhielt nicht nur in allen Fächern hervorragende Benotungen, sondern außerdem ein Diplom als Organist und Kantor, was ihm seine erste Anstellung als Organist der Chororgel in St. Vincent de Paul in Paris (1881) eintrug.

Sechs Jahre später wurde er zum Kantor und "organiste titulaire" der Hauptorgel von St-Vincent-de-Paul de Paris bestellt. Dieses Instrument war eine preisgekrönte Orgel des Pariser Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll von 1855. Als Organist, Pianist und Komponist machte er sich bald einen Namen über Paris hinaus, er zeigte Begabung als Maler und Literat und wirkte überdies - wenn auch unter Pseudonymen - als Musikkritiker. Von Boëllmann war in der Musikwelt noch viel zu erwarten; er starb jedoch als unvollendeter Meister ganz plötzlich an den Folgen einer Kehlkopfentzündung. Er wurde nur 35 Jahre alt.

Boëllmanns Kompositionen umfassen Werke für Orgel und Klavier, sowie Kammermusik, Lieder und kirchliche Chorwerke. Sein bekanntestes und heute weltweit am häufigsten zu hörendes Werk ist die "Suite gothique pour Grand Orgue op. 25". Boëllmann schrieb sie zwei Jahre vor seinem Tod zur Einweihung der neuen Orgel in der Kathedrale Notre-Dame im burgundischen Dijon. Sie steht damit in zeitlicher Nachbarschaft zum Spätwerk von César Franck oder zu Regers Choralfantasien - und dafür klingt sie tatsächlich archaisch und veraltet, Begriffe, die man seinerzeit in Frankreich synonym zu "gothisch" verwendete.

Boëllmann war sich also der geringen Innovation, die von seinem Werk ausging, durchaus bewusst. Er wollte "gothisch" komponieren: Einem mächtigen Choral (Introduction) folgt eine damals schon fast vergessene Stilform, das tänzerische Menuett (Menuet Gothique). Beide Sätze zeichnen sich durch hineinkomponierte Echo-Wiederholungen aus.

Eine kuriose Rezeptionsgeschichte hat der dritte Satz, das gemütvolle "Prière à Notre-Dame". Wie man heute weiß, hat Boëllmann in seinem Autograph den Bindestrich selbst gesetzt, was den Satz zu einem "Gebet in Notre-Dame" macht - und "Notre-Dame" heißen in Frankreich die meisten großen Kathedralen. Ohne den Bindestrich wäre es ein "Gebet zur Jungfrau Maria", und als solches taucht es auch kurioserweise in mancher Sammlung marianischer Orgelmusik auf.

Höhepunkt der "Suite Gothique" ist allerdings eindeutig der Schlusssatz, der bis heute alles andere als veraltet klingt: eine Toccata, die in ihrer Mischung aus Mystik und Motorik auch hartgesottene Orgelverächter überwältigt. Sie hat neben Widors F-Dur-Toccata die weltweite Popularität der französischen Orgeltoccata begründet.